Author: Christian (Page 3 of 4)

Erzählen als Gegenkultur / Storytelling as Counterculture

An image may bear witness to history, but it needs a storyteller to give it context.

John Akomfrah

Through a radical re-articulation of the historical archive with testimonial memory, the films of the Black Audio Film Collective disclose the intersecting constellations of the past and present, where memory is to be understood not as a dead past waiting to be excavated but as a product of the present. What emerges is the possibility of rethinking black subjectivities through the reinvention of storytelling whose passing [Walter] Benjamin had so lamented.

Jean Fisher in Ghosts of Songs

Only when lions have historians will hunters cease to be heroes.

John Matshikiza, director of the Goree Institute in Senegal

Le passé est le même que l’étranger, ce n’est pas une question de distance, c’est la passage d’une frontière.

Chris Marker, Le Dépays

I have no memory of coffins.

Marlon James, A Brief History of Seven Killings

There are other worlds out there they never told you about.

Sun Ra

The past isn’t dead and buried. In fact, it isn’t even past.

William Faulkner

If we lose the ruins, nothing will be left.

Zbigniew Herbert

David Hinds on the Early Years of Steel Pulse and His Youth in England

Steel Pulse sind eine der erfolgreichsten Reggae Bands auf diesem Planeten. Leadsänger und Bandgründer David Hinds, Kind jamaikanischer Einwanderer, wuchs in Handsworth, Birmingham auf. Im Gespräch mit afropop erinnert er sich an seine Jugend als eine Zeit rassistischer Übergriffe und Konflikte zwischen Schwarzen und der weißen Mehrheit. Als Folge davon nahm er schon früh jenes „doppelte Bewusstsein“ an sich wahr (double consciousness), von dem schwarze Intellektuelle wie W.E.B. Du Bois oder Paul Gilroy sprechen.

Hört hier: Babylon Is Falling: David Hinds on the Early Years of Steel Pulse and His Youth in England on afropop.org

Einer ihrer bekanntesten Songs, Handsworth Revolution.


1982 veröffentlichten Steel Pulse einen weiteren Meilenstein des UK Reggae, True Democracy

„Last Angel of History“, ein Film über Afrofuturism von John Akomfrah

Die Verschleppung von Millionen von Afrikanern zum Zweck ihrer Versklavung und Ausbeutung auf den Plantagen der früheren Kolonien in der Karibik, in Nord- und Südamerika – d.h. seit der Middle Passage als diasporische Urszene – wirkt bis heute in die westlichen Gesellschaften hinein, abzulesen etwa an der black experience im 20. und 21. Jahrhundert, an Autoren von James Baldwin bis Ta-Nehisi Coates oder an Raoul Pecks Film I Am Not Your Negro, der die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung explizit mit aktuellen Fällen von Polizeigewalt gegen Schwarze verknüpft.

Der Film Last Angel of History (1996) des Black Audio Fim Collective mit John Akomfrah spielt bereits in seinem Titel auf Walter Benjamins Überlegungen zu einem neuen Begriff von Geschichte an. Die Art, wie hier Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander bezogen werden, kann daher als Konstellation im Benjaminschen Sinne verstanden werden.
Indem hier Geschichte „gegen den Strich“ gebürstet wird, wenn der letzte Engel der Geschichte aus der Zukunft in eine postkoloniale Gegenwart reist, werden nicht allein die Mittel der Imagination zum Zweck einer alternativen Historiographie eingesetzt, vielmehr zeugt der Film auch von einer veränderten Haltung innerhalb der black political culture am Ausgang des letzten Jahrhunderts, da der Film erkennbar die Idee kultureller Autonomie unterläuft, die so viele der früheren Befreiungsbewegungen propagierten.

The Last Angel of History erzählt von der Idee des Afrofuturism, einer Utopie und Erlösungsmythologie einer auf Erden zersprengten und unterdrückten community. In dieser Form schwarzer Science-Fiction zeigt sich ein dekonstruktiver, begeisterter Umgang mit den Tropen und Metaphern des Genres, der sich um klare Grenzen und Kategorien nicht viel schert. In Absetzung von den Emanzipationsideologien etwa der Nation of Islam, die auf kultureller Autonomie und binären Oppositionen – „weiß“ und „schwarz“, Freund und Feind – aufbauten, zeigt der Film, wie mit Beginn der Post-Civil-Rights-Ära eine immer breiter werdende, künstlerische Haltung erwuchs, die jede entlang dualer Verhältnisse strukturierte Sci-Fi-Matrix durcheinanderzubringen suchte.1)Vgl. dazu Diedrich Diederichsen, Loving the Alien, 1994 Selbst Ridleys Scotts Horrorklassiker Alien operierte 1979 schließlich noch in den klassischen Bahnen der Erzählung vom Anderen.

The Last Angel Of History gibt es momentan nur als deutsch synchronisierte Fassung hier zu sehen:

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References   [ + ]

1. Vgl. dazu Diedrich Diederichsen, Loving the Alien, 1994

Gespenster einer (post)kolonialen Welt: T.J. Demos über Politik und Ästhetik der Migration in der zeitgenössischen Film- und Videokunst

Senser – „Age of Panic“ (1994)

“The past isn’t dead and buried. In fact, it isn’t even past.”

William Faulkner

 

Handsworth Songs (1986)

Handsworth Songs war die Antwort des Black Audio Film Collective (BAFC) auf die Unruhen, die im September 1985 in Handsworth, einem vor allem von Einwanderern bewohnten Vorort Birminghams ausbrachen. Schon lange schwelende Konflikte mit der lokalen Polizei, etwa aufgrund zahlreicher Verhaftungen vor allem schwarzer junger Männer, die häufig als willkürlich und unverhältnismäßig empfunden wurden (etwa in Folge der sogenannten stop and search laws), sowie zunehmende Arbeits- und Perspektivlosigkeit unter den Einwohnern von Handsworth entluden sich schließlich in gewalttätigen Zusammenstößen mit den Sicherheitsorganen und führten zu einer Eskalation der Gewalt, an deren Ende ganze Häuser in Flammen standen und zwei Menschen ihr Leben gelassen hatten, neben zahlreichen Verletzten auf beiden Seiten. Während die Regierungsoffiziellen nahezu ausnahmslos von kriminellen Handlungen sprachen und ihre Äußerungen hie und da mit Hinweisen auf die ethnische Herkunft der Aufständischen versahen, galt es für das BAFC gegenüber dieser Rhetorik eine Form zu finden, mit der die in den Medien vorherrschende Repräsentation der Unruhen im besonderen sowie von race bzw. Ethnizität im allgemeinen problematisiert und sichtbar gemacht werden konnte.

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Zia Haider Rahman, „In The Light Of What We Know“ (2014)

Natürlich gibt es einige Parallelen zwischen den Charakteren aus In the Light Of What We Know, namentlich Zafar, und der Biografie des Autors selbst. Wie Zafar stammt auch Zia Haider Rahman aus Bangladesch und beide kamen in Folge des indisch-pakistanischen Krieges von 1971 mit ihren Eltern nach England, genauer gesagt nach East End London. Auch, dass Rahman selbst später als Investmentbanker an der Wall Street sowie als Anwalt für Menschenrechte tätig war, teilt er mit Zafar.

In the Light Of What We Know ist ein Roman über Grenzen auf verschiedenen Ebenen, über politische, soziale, kulturelle Grenzen in der Welt des 21. Jahrhunderts sowie, auf einer ungleich philosophischeren Ebene, über die Grenzen menschlicher Erkenntnis. Letzteres wird schon daran deutlich, dass Rahman wiederholt Bezüge zu dem Unvollständigkeitstheorem des österreichischen Mathematikers Kurt Gödel herstellt (1906 – 1978).

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Wie kommt es, dass jemand, der in Sylhet geboren wird, von hier aus, der globalen Peripherie, sämtliche Stufen des sozialen Aufstiegs nimmt, über Oxford und New York eine mehr als bemerkenswerte Karriere macht, um dann, mittendrin, unter mysteriösen Umständen, plötzlich zu verschwinden? Und erst Jahre später wieder aufzutauchen, in 2008, an der Tür des Erzählers, seines einstigen engen Freundes aus den Jahren des gemeinsamen Studiums und ihrer Zeit als Investmentbanker? Mit dem Erscheinen Zafars in Kensington, London, nimmt das Buch seinen Anfang und von dort, von den sich über Wochen erstreckenden Gesprächen der beiden Männer am Küchentisch, reisen wir an die verschiedenen Orte und Zeiten ihrer Vergangenheit, nach Oxford College, New York, London, Kabul, Islamabad.

Das Thema der Erinnerung bildet so einen wichtigen Strang des Buches und entlang der diversen Schauplätze und Charaktere begegnen wir weiteren Motiven des Romans. Wie Rahman selbst verschiedentlich betont, handelt seine Geschichte im Kern auch von der Klassenfrage. Dabei stellt sich die englische Gesellschaft als die von Klassenzugehörigkeit bestimmte Gesellschaft par excellence dar. Es mutet beinahe wie ein Wunder an, dass es Zafar gelingt, den Zugang zum Studium in Oxford zu erhalten, wo sein Aufstieg beginnt (den seine Eltern wiederum in keinster Weise als solchen begreifen). So bewegt sich Zafar immer wieder „between two worlds“ und dieses Gefühl des Nicht-Dazugehörens wird er niemals vollständig ablegen, zumal ihn seine „Heimat“ hierin im Grunde noch bestärkt, denn nicht einmal bekommt er an den Landesgrenzen, bei seiner Rückkehr nach England und den zugehörigen Passkontrollen zu hören: “Welcome home.”

“If an immigration officer at Heathrow had ever said ‘Welcome home’ to me, I would have given my life for England, for my country, there and then. I could kill for an England like that.”

 

Ganz anders die Situation des namenlosen Erzählers. Dieser gehört als Abkömmling der pakistanischen Oberschicht von Geburt an zu den Privilegierten, hat seine Kindheit und Jugend in den USA verbracht, wurde in Princeton ausgebildet, und kann sich mühelos der amerikanischen, britischen und pakistanischen Staatsbürgerschaft zurechnen. Die Frage nach Klasse und Privileg ist somit auch im Verhältnis der beiden Hauptfiguren angelegt.

In Emily, der großen Liebe Zafars, begegnen wir weiterhin einer Tochter aus bestem Hause, die nach standesgemäßer Ausbildung Teil des globalen UN- bzw. NGO-Jetsets wird. In 2002 landet sie, ebenso wie kurz darauf Zafar, in Afghanistan, um den Wiederaufbau des Landes voranzutreiben. Man erfährt hierbei einiges über diese besondere Parallelwelt, die wie ein bitter schmeckendes Gebräu aus besten Absichten, kulturellem Neokolonialismus und Arroganz der handelnden Personen erscheint und die UN-Bars von Kabul bis Kinshasa und die Klubs der besseren Gesellschaft überschwemmt.

Noch etwas zum Titel und einem anderen, grundlegenden Motiv des Romans. In the Light Of What We Know spielt an auf die Grenzen dessen, was wir wissen bzw. was wir wissen können. Insbesondere Zafar scheint von einem unersättlichen Drang nach Wissen und Wahrheit beseelt, weshalb der Roman allerhand Reflexionen unter anderem über Religion, die Funktion von Metaphern usw. enthält. Dass wir jedoch niemals den Zugang zu letztgültiger Wahrheit erhalten, leitet Rahman/Zafar ab von Gödels oben erwähntem mathematisch-logischem Theorem der Unvollständigkeit ab. Danach gibt es wohl Wahrheiten, deren Wahrhaftigkeit sich jedoch nicht beweisen lässt, auch nicht von den Beweisführungskünsten der Mathematik.

The animal’s hubris now persists in his idea that the truth beneath what her perceives, from the cosmic out there and forever to the mundane here and now, and even the manmade, that such ever-present truth as he believes there could be will not exceed his capacity to understand.

 

Der Wunsch, einer verlässlichen Wahrheit dennoch habhaft zu werden, scheint dabei gerade in der Figur Zafars fast ebenso groß wie der Wunsch, dazuzugehören, etwas als „Heimat“ anerkennen zu können. Beide Formen des Wunsches treibt Rahman in seinem Roman an weit entlegene Grenzen. Ob es sich dabei um die Grenzen unseres Wissens handelt oder um Gebiete von Sylhet bis Kensington, stets scheinen sie dabei quer durch etwa jene Frage zu verlaufen, ob Wissen nicht vor allem eines ist, nämlich „social act“.

 

Susan Sontag, „Against Interpretation“

Susan Sontag grenzt Kunst in ihrem 1966 veröffentlichten Essay Against Interpretation als Erlebnis von einem durch Theorie (Intellekt) vermittelten Zugang zu Kunst ab. Hier, aber auch in On Style und anderen Essays, geht es ihr nicht zuletzt um das Problem der Rechtfertigung von Kunst. Die Tradition sieht die Existenz von Kunst stets dann als berechtigt, wenn diese über das bloße sinnliche Ereignis ihrer selbst hinaus weist, etwa in moralischer oder politischer Absicht. Um diesen Inhalt an dem Werk zu entziffern und gewissermaßen freizulegen, bedarf es freilich einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen Form und Inhalt. Genau an diesem Punkt des traditionellen Kunstverständnisses erhebt Sontag ihren Einspruch, indem sie ein Denken des Ästhetischen zu entwickeln sucht, dessen Prämisse es ist, Form und Inhalt im Kunstwerk als unauflöslich verbunden und gewissermaßen wechselseitig aufeinander verweisend zu begreifen.

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Hito Steyerl, „Liquidity Inc.“

Überall dort, wo es von Vorteil ist, seine Position unablässig zu verändern, um unsichtbar, formlos und nicht ortbar zu werden, ist das Subjekt von einer „Dynamik erfasst, die die Bedeutung sozialer Subjektivität beständig verschiebt“1)Juliane Rebentisch, Theorien der Gegenwartskunst, Junius: Hamburg 2013, p.195. Jene Dynamik und die aus ihr abzuleitenden sozialen Beziehungen gehen auf die vorherrschende Logik im Raum des multinationalen globalen Finanzkapitals zurück. Alle Subjektivität, die sich gegen diese Logik zu stellen gewillt ist  – Guerilla, Hacker, Aktivisten, Überlebenskämpfer – muss daher Subjektivierungsweisen adaptieren, die dieser Dynamik und dem inter- und transnationalen Charakter des globalen Finanzkapitals entsprechen. Nur so lassen sich mögliche Formen ihrer Repräsentation für die Gegenwart und eine ihr zugehörige „Zeitgenossenschaft“ generieren.

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Liquidity Inc. (Still) 2014 | courtesy of the artist

Ausgehend von der bei Bruce Lee entlehnten Überlebensformel Be formless, shapeless, like water!, unterstreicht Hito Steyerl mit ihrem Film Liquidity Inc. (2014), dass derartige Formen von Subjektivität heute als die einzig angemessenen erscheinen angeichts der selbst wie unsichtbar wirkenden Kräfte einer globalen Ökonomie im 21. Jahrhundert. Bereits der Titel zeigt dabei eine doppelte Bedeutung an, ist er doch sowohl mit dem bekannten Kürzel für kapitalisierte Aktiengesellschaften lesbar, wie er als prägnante Kurzformel den mit Bruce Lee anvisierten Zustand der Verflüssigung, eines inkorporierten Aquadynamismus benennt.

Die fluide Beweglichkeit betrifft darüber hinaus das Ineinanderfließen und Auflösen der Grenzen von Realität und Spekulation, von Dokumentarismus und Fiktion, von Kritik und Unterhaltung, wie dies auch für viele andere Arbeiten Steyerls gilt – einige davon bilden mit Liquidity Inc. die aktuelle Ausstellung Left to our own devices.

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References   [ + ]

1. Juliane Rebentisch, Theorien der Gegenwartskunst, Junius: Hamburg 2013, p.195

High Tech Soul oder die Geburt des Techno Underground in Detroit

sehenswerte Doku mit den Pionieren der ersten und zweiten Stunde, dazu haufenweise Footage aus Belleville!

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HIGH TECH SOUL is the first documentary to tackle the deep roots of techno music alongside the cultural history of Detroit, its birthplace. From the race riots of 1967 to the underground party scene of the late 1980s, Detroit’s economic downturn didn’t stop the invention of a new kind of music that brought international attention to its producers and their hometown.

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