Category: Literatur

Marlon James, „A Brief History Of Seven Killings“ (2014)

Am Anfang von A Brief History Of Seven Killings steht erstmal keine Erfindung, keine Fantasie des Autors, sondern ein historisches Ereignis. 1976 regierte in Jamaika die PNP (People’s Nationalist Party), deren Version eines demokratischen Sozialismus unter Michael Manley genügte, um inmitten des Kalten Krieges die Alarmglocken in Washington und bei seinen Verbündeten schrillen zu lassen. Der Wahlsieg der PNP von 1972 schien die Gefahr des Kommunismus auf der Insel, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Castros Kuba, immer realer werden zu lassen, zugleich entluden sich die Spannungen zwischen der PNP und der Opposition, angeführt von der JLP (Jamaica Labour Party) kurz vor den Wahlen Ende 1976 in immer neuen Gewaltausbrüchen, befeuert durch die jeweilige Anhängerschaft in den Ghettos von Kingston Town bzw. die Waffenimporte der CIA an die Opposition. Inmitten dieser eskalierenden politischen Lage ersann Bob Marley eine Demonstration für Frieden und die nationale Einheit Jamaicas – das so genannte Smile Jamaica Concert, das am 5. Dezember im National Heroes Park in Kingston Town stattfinden sollte. Zwei Tage vor dem Konzert kam es jedoch zu dem Attentat auf Bob Marley, als teils noch jugendliche Auftragskiller sein Haus stürmten und zu schiessen begannen. Dennoch stand Marley keine 48 Stunden später auf der Bühne im National Heroes Park, sichtbar verwundet.

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Diesen Anschlag auf Bob Marley nimmt Marlon James in seinem mit dem Man Booker Prize 2015 ausgezeichneten Roman zum Anlass, eine Geschichte globalen Ausmasses zu entwickeln, zwischen den Jahren der Unabhängigkeit Jamaicas und dem New York der Achtziger mit seinen Crackhöhlen – mining the past to make sense of the present.

Nicht zuletzt stellt James damit auch die Frage, inwieweit es noch berechtigt erscheint, heutige Emanzipationsbestrebungen weiterhin an nationalistische Diskurse zu knüpfen und inwiefern deren aktuelle Relevanz nicht längst von transnationalen Prozessen, von multinationalen Akteuren ausgehebelt ist. Form und Anlage des Romans legen es nahe, darin gerade nicht mehr eine zeitgemäße Antwort auf das stete Mehr weltweiter Ungleichheit und die Verschärfung lokaler wie globaler Krisen zu erblicken. Stattdessen entwirft James neue Formen und Inhalte minoritärer Literatur, spielt er mit der Ästhetisierung von Gewalt und Sexualität, erweitert er das Feld subalterner Identität und reichert seinen Roman um explizit homosexuelle Motive an.

James‘ excesses provide the substance of a critique of nationalism—specifically, the politics of nationalist sovereignty as they have been negotiated in Caribbean writing since the early twentieth century.

 

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Von Geistern und Gespenstern: Hauntology bei Marlon James und Mark Fisher

Bereits der Prolog zu A Brief History Of Seven Killings von Marlon James (dt.: Eine kurze Geschichte von sieben Morden) ist mit der Stimme eines Untoten namens Arthur George Jennings erzählt. So wie James dem ganzen Roman ein historisches Ereignis zu Grunde legt, nämlich das Attentat auf Bob Marley im Dezember 1976, so verweist auch der zu Anfang sprechende Geist auf die politische Wirklichkeit Jamaikas Mitte des 20. Jahrhunderts. Kenneth Jones, ein heute gänzlich unbekanntes Mitglied der ersten Regierung Jamaikas, war 1962 vom Balkon seines Hotelzimmers im Sunset Lodge Hotel in Montego Bay gestürzt. Der offiziellen Version nach war sein Sturz das tragische Unglück eines Schlafwandlers. Doch war es tatsächlich so? Wurde er nicht vielleicht doch vom Balkon gestoßen? In einem der Interviews zu seinem Roman beschreibt Marlon James Kenneth Jones als eine Art Sondergestalt auf der politischen Bühne Jamaikas und nennt ihn einen „unifier“, jemand, der die tief gespaltenen politischen Lager des Landes zu einen suchte. Darin gleicht Jones wiederum Bob Marley, der wenig später 1976, in einem von Gewalt aufgeladenen politischen Klima, ebenfalls auf die Einheit des Landes und die Überwindung der Gewalt abzielte. Ausdruck und Höhepunkt seiner Bemühungen sollte das Smile Jamaica Concert am 5. Dezember 1976 werden, doch zwei Tage zuvor fallen die Schüsse in Marleys Haus. Der Roman erzählt somit auch davon, wie eben diese Bestrebungen gegen die Interessen der politischen Machthaber und Drogensyndikate standen, wobei die einen kaum mehr von den anderen zu unterscheiden waren. Auch hatte, wie so häufig, die CIA hier ihre Finger im Spiel, man befand sich schließlich mitten im Krieg. Es sind diese Gespenster der Vergangenheit, von kolonialem Erbe und der eigenen politischen Tragödie nach 1962, die Jamaika bis heute beeinflussen und die Marlon James in seinem Roman an die Oberfläche dringen lässt.

 

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Den Begriff der Hauntology hat der französische Philosoph Jaques Derrida geprägt. Der berühmte Entwickler der Dekonstruktion hat ihn in seinem Buch „Marx‘ Gespenster“ geprägt. In dem Buch geht es Derrida um das Gespenst des Marxismus, das in Europa nach dem Fall der Mauer umhergeht. Es ist weder tot noch lebendig. Einerseits feiert das Siegersystem den Untergang des Kommunismus, andererseits bleiben die Ideen von Marx und seine korrekte Analyse der Verhältnisse bestehen – das Gespenst des Kommunismus, wie es Marx im Kommunistischen Manifest benennt, bleibt also ein Gespenst aus der Vergangenheit wie aus der Zukunft.

Diese Grundzüge einer hauntology, eines gespenstischen Denkens, lassen sich auf Marlon James’ Roman übertragen. Wenn es gleich zu Beginn aus dem Mund von Sir Arthur George Jennings heißt, „An einen Sarg kann ich mich nicht erinnern“, und dies nicht nur einmal, sondern zweimal, zeigt dies bereits den Kollaps jener linearen Zeitvorstellung an, die dem westlichen Denken und seinem Geschichtsbegriff zu eigen ist. Davon abweichende Formen der Zeitlichkeit werden so betont und letztlich zum Organisationsprinzip des Romans selbst. Wider die Linearität hebt James auf eine Art Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ab. Auch davon erzählt schon der Sturz vom Balkon eingangs des Romans: „Vom Balkon dort oben sehe ich aus wie eine tote Spinne. Ich bin gleichzeitig da oben und hier unten, und von dort oben sehe ich mich so, wie mein Mörder mich sah.“ Die hier eingenommene Multiperspektivität weitet sich im Verlauf des Romans, dem nicht umsonst ein Namenregister vorangestellt, schließlich aus auf über 70 Charaktere und eine Polyphonie der die alles andere als kurze Geschichte erzählenden Stimmen (und stützt so die als poetics of excess identifizierte Form des Romans).

Der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher überträgt in seinem Buch Ghosts of my Life den Begriff der Hauntology auf die Musikkultur (womit er in gewisser Weise auch anschließt an das Buch seines Freundes Simon Reynolds, Autor von „Retromania“). In einer Sendung des Bayerischen Rundfunks spricht Fisher davon, es sei ihm „um das Gefühl eines zerfallenen Zeitbegriffs“ gegangen. The time is out of joint, diagnostizierte schon Hamlet.

Zia Haider Rahman, „In The Light Of What We Know“ (2014)

Natürlich gibt es einige Parallelen zwischen den Charakteren aus In the Light Of What We Know, namentlich Zafar, und der Biografie des Autors selbst. Wie Zafar stammt auch Zia Haider Rahman aus Bangladesch und beide kamen in Folge des indisch-pakistanischen Krieges von 1971 mit ihren Eltern nach England, genauer gesagt nach East End London. Auch, dass Rahman selbst später als Investmentbanker an der Wall Street sowie als Anwalt für Menschenrechte tätig war, teilt er mit Zafar.

In the Light Of What We Know ist ein Roman über Grenzen auf verschiedenen Ebenen, über politische, soziale, kulturelle Grenzen in der Welt des 21. Jahrhunderts sowie, auf einer ungleich philosophischeren Ebene, über die Grenzen menschlicher Erkenntnis. Letzteres wird schon daran deutlich, dass Rahman wiederholt Bezüge zu dem Unvollständigkeitstheorem des österreichischen Mathematikers Kurt Gödel herstellt (1906 – 1978).

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Wie kommt es, dass jemand, der in Sylhet geboren wird, von hier aus, der globalen Peripherie, sämtliche Stufen des sozialen Aufstiegs nimmt, über Oxford und New York eine mehr als bemerkenswerte Karriere macht, um dann, mittendrin, unter mysteriösen Umständen, plötzlich zu verschwinden? Und erst Jahre später wieder aufzutauchen, in 2008, an der Tür des Erzählers, seines einstigen engen Freundes aus den Jahren des gemeinsamen Studiums und ihrer Zeit als Investmentbanker? Mit dem Erscheinen Zafars in Kensington, London, nimmt das Buch seinen Anfang und von dort, von den sich über Wochen erstreckenden Gesprächen der beiden Männer am Küchentisch, reisen wir an die verschiedenen Orte und Zeiten ihrer Vergangenheit, nach Oxford College, New York, London, Kabul, Islamabad.

Das Thema der Erinnerung bildet so einen wichtigen Strang des Buches und entlang der diversen Schauplätze und Charaktere begegnen wir weiteren Motiven des Romans. Wie Rahman selbst verschiedentlich betont, handelt seine Geschichte im Kern auch von der Klassenfrage. Dabei stellt sich die englische Gesellschaft als die von Klassenzugehörigkeit bestimmte Gesellschaft par excellence dar. Es mutet beinahe wie ein Wunder an, dass es Zafar gelingt, den Zugang zum Studium in Oxford zu erhalten, wo sein Aufstieg beginnt (den seine Eltern wiederum in keinster Weise als solchen begreifen). So bewegt sich Zafar immer wieder „between two worlds“ und dieses Gefühl des Nicht-Dazugehörens wird er niemals vollständig ablegen, zumal ihn seine „Heimat“ hierin im Grunde noch bestärkt, denn nicht einmal bekommt er an den Landesgrenzen, bei seiner Rückkehr nach England und den zugehörigen Passkontrollen zu hören: “Welcome home.”

“If an immigration officer at Heathrow had ever said ‘Welcome home’ to me, I would have given my life for England, for my country, there and then. I could kill for an England like that.”

 

Ganz anders die Situation des namenlosen Erzählers. Dieser gehört als Abkömmling der pakistanischen Oberschicht von Geburt an zu den Privilegierten, hat seine Kindheit und Jugend in den USA verbracht, wurde in Princeton ausgebildet, und kann sich mühelos der amerikanischen, britischen und pakistanischen Staatsbürgerschaft zurechnen. Die Frage nach Klasse und Privileg ist somit auch im Verhältnis der beiden Hauptfiguren angelegt.

In Emily, der großen Liebe Zafars, begegnen wir weiterhin einer Tochter aus bestem Hause, die nach standesgemäßer Ausbildung Teil des globalen UN- bzw. NGO-Jetsets wird. In 2002 landet sie, ebenso wie kurz darauf Zafar, in Afghanistan, um den Wiederaufbau des Landes voranzutreiben. Man erfährt hierbei einiges über diese besondere Parallelwelt, die wie ein bitter schmeckendes Gebräu aus besten Absichten, kulturellem Neokolonialismus und Arroganz der handelnden Personen erscheint und die UN-Bars von Kabul bis Kinshasa und die Klubs der besseren Gesellschaft überschwemmt.

Noch etwas zum Titel und einem anderen, grundlegenden Motiv des Romans. In the Light Of What We Know spielt an auf die Grenzen dessen, was wir wissen bzw. was wir wissen können. Insbesondere Zafar scheint von einem unersättlichen Drang nach Wissen und Wahrheit beseelt, weshalb der Roman allerhand Reflexionen unter anderem über Religion, die Funktion von Metaphern usw. enthält. Dass wir jedoch niemals den Zugang zu letztgültiger Wahrheit erhalten, leitet Rahman/Zafar ab von Gödels oben erwähntem mathematisch-logischem Theorem der Unvollständigkeit ab. Danach gibt es wohl Wahrheiten, deren Wahrhaftigkeit sich jedoch nicht beweisen lässt, auch nicht von den Beweisführungskünsten der Mathematik.

The animal’s hubris now persists in his idea that the truth beneath what her perceives, from the cosmic out there and forever to the mundane here and now, and even the manmade, that such ever-present truth as he believes there could be will not exceed his capacity to understand.

 

Der Wunsch, einer verlässlichen Wahrheit dennoch habhaft zu werden, scheint dabei gerade in der Figur Zafars fast ebenso groß wie der Wunsch, dazuzugehören, etwas als „Heimat“ anerkennen zu können. Beide Formen des Wunsches treibt Rahman in seinem Roman an weit entlegene Grenzen. Ob es sich dabei um die Grenzen unseres Wissens handelt oder um Gebiete von Sylhet bis Kensington, stets scheinen sie dabei quer durch etwa jene Frage zu verlaufen, ob Wissen nicht vor allem eines ist, nämlich „social act“.

 

„Traveler of the Century“ von Andrés Neuman

Andrés Neuman (* 28. Januar 1977 in Buenos Aires, Argentinien) ist ein argentinisch-spanischer Schriftsteller, Dichter, Übersetzer und Essayist. In 2009 erschien sein Roman El viajero del siglo auf Spanisch. Bislang liegt keines seiner Werke auf deutsch vor, die englische Übersetzung ist als Traveler of the Century jedoch vor einiger Zeit bei Faber, Strauss & Giroux in New York erschienen.

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Schauplatz der Geschichte von Traveler of the Century ist ein fiktiver, kleiner Stadtstaat namens Wandernburg, dessen genaue Lage unbekannt, jedoch irgendwo zwischen Sachsen und Preußen vermutet wird. Mit der Ankunft von Hans in Wandernburg beginnt der Roman, dessen Handlung in einer spannungsgeladenen Zeit angesiedelt ist: im post-napoleonischen Deutschland des 19. Jahrhunderts, in der Zeit der Restauration, aber eben auch der nachhallenden Ideen von politischer und ästhetischer Moderne sowie der beginnenden Industrialisierung und den damit verbundenen Umbrüchen.

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