Tag: Erzählen

Kara Walker, „Fall Frum Grace, Miss Pipi’s Blue Tale“ (2011)

In ihrer ersten Einzelausstellung, zu sehen bei Sprüth Magers, Berlin, zeigt die afroamerikanische Künstlerin Kara Walker ein siebzehnmütiges Video, für das sich Walker wie häufig in ihren Arbeiten der Form des antiken Schattentheaters bedient.

Erzählt wird die Geschichte von Miss Pippi, einer Südstaatenschönheit, einer „Southern Belle“, und ihrer sexuellen Beziehung mit einem Sklaven. Als sie auffliegen, wird der Sklave mit aller Härte vom weißen Mann bestraft. Er wird geschlagen, kastriert und schließlich ermordet. Dabei erscheint die Gewalt genährt von der Angst des weißen Mannes vor dem schwarzen Körper, seiner Sexualität. Zerstörung bannt schließlich die auf ihn projizierte Macht, seine Macht über weiße Frauen.
Die expliziten Darstellungen von Gewalt, von Geschlechtsteilen und sexuellen Handlungen kontrastiert Walker jedoch durch die Abstraktheit ihrer Schattenfiguren, die als Silhouettten, obgleich scharf konturiert, zugleich leer bleiben und so es dem Betrachter überlassen, ihnen eigene Bilder und Assoziationen hinzuzufügen.
Soweit Walker in der Geschichte Miss Pipis eine mehr oder weniger lineare Erzählung verfolgt, brechen andere Bestandteile des Videos eben diese Linearität wieder auf: abstrakte Farbkompositionen, surreale Traumfiguren oder der heitere Tanz eines Mannes mit Zylinderhut vor dem Hintergrund eines Mississippi-Dampfers. Natürlich ist dann auch dieser Dampfer wieder ein Verweis auf die Südstaaten des 19. Jahrhunderts, auf ihre Plantagen und die Sklaverei, ebenso wie der Delta Blues aus dem Soundtrack des Videos.

Jedoch wird jede scheinbar homogene Einheit ihrer Erzählung von Walker selbst durchkreuzt, wenn sie wiederholt als Puppenspielerin im Video auftaucht, als Strippenzieherin der in den Schattenfiguren erzählten Geschichte.

Erzählen als Gegenkultur / Storytelling as Counterculture

An image may bear witness to history, but it needs a storyteller to give it context.

John Akomfrah

Through a radical re-articulation of the historical archive with testimonial memory, the films of the Black Audio Film Collective disclose the intersecting constellations of the past and present, where memory is to be understood not as a dead past waiting to be excavated but as a product of the present. What emerges is the possibility of rethinking black subjectivities through the reinvention of storytelling whose passing [Walter] Benjamin had so lamented.

Jean Fisher in Ghosts of Songs

Only when lions have historians will hunters cease to be heroes.

John Matshikiza, director of the Goree Institute in Senegal

Le passé est le même que l’étranger, ce n’est pas une question de distance, c’est la passage d’une frontière.

Chris Marker, Le Dépays

I have no memory of coffins.

Marlon James, A Brief History of Seven Killings

There are other worlds out there they never told you about.

Sun Ra

The past isn’t dead and buried. In fact, it isn’t even past.

William Faulkner

If we lose the ruins, nothing will be left.

Zbigniew Herbert

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