Die Verschleppung von Millionen von Afrikanern zum Zweck ihrer Versklavung und Ausbeutung auf den Plantagen der früheren Kolonien in der Karibik, in Nord- und Südamerika – d.h. seit der Middle Passage als diasporische Urszene – wirkt bis heute in die westlichen Gesellschaften hinein, abzulesen etwa an der black experience im 20. und 21. Jahrhundert, an Autoren von James Baldwin bis Ta-Nehisi Coates oder an Raoul Pecks Film I Am Not Your Negro, der die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung explizit mit aktuellen Fällen von Polizeigewalt gegen Schwarze verknüpft.

Der Film Last Angel of History (1996) des Black Audio Fim Collective mit John Akomfrah spielt bereits in seinem Titel auf Walter Benjamins Überlegungen zu einem neuen Begriff von Geschichte an. Die Art, wie hier Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander bezogen werden, kann daher als Konstellation im Benjaminschen Sinne verstanden werden.
Indem hier Geschichte „gegen den Strich“ gebürstet wird, wenn der letzte Engel der Geschichte aus der Zukunft in eine postkoloniale Gegenwart reist, werden nicht allein die Mittel der Imagination zum Zweck einer alternativen Historiographie eingesetzt, vielmehr zeugt der Film auch von einer veränderten Haltung innerhalb der black political culture am Ausgang des letzten Jahrhunderts, da der Film erkennbar die Idee kultureller Autonomie unterläuft, die so viele der früheren Befreiungsbewegungen propagierten.

The Last Angel of History erzählt von der Idee des Afrofuturism, einer Utopie und Erlösungsmythologie einer auf Erden zersprengten und unterdrückten community. In dieser Form schwarzer Science-Fiction zeigt sich ein dekonstruktiver, begeisterter Umgang mit den Tropen und Metaphern des Genres, der sich um klare Grenzen und Kategorien nicht viel schert. In Absetzung von den Emanzipationsideologien etwa der Nation of Islam, die auf kultureller Autonomie und binären Oppositionen – „weiß“ und „schwarz“, Freund und Feind – aufbauten, zeigt der Film, wie mit Beginn der Post-Civil-Rights-Ära eine immer breiter werdende, künstlerische Haltung erwuchs, die jede entlang dualer Verhältnisse strukturierte Sci-Fi-Matrix durcheinanderzubringen suchte.1)Vgl. dazu Diedrich Diederichsen, Loving the Alien, 1994 Selbst Ridleys Scotts Horrorklassiker Alien operierte 1979 schließlich noch in den klassischen Bahnen der Erzählung vom Anderen.

The Last Angel Of History gibt es momentan nur als deutsch synchronisierte Fassung hier zu sehen:

Der Engel der Geschichte des Films ist der „Data Thief“, ein hybrides Wesen aus Mann/Frau und Cyborg, der aus seiner eigenen Gegenwart 200 Jahre zurück ins Jahr 1995 reist, um in dem bestehenden Cyberspace die Versatzstücke zur Einlösung und Umsetzung einer mythisch-utopischen Idee zusammenzutragen, der Idee der „Mothership Connection“.
 In dieser Vorstellung wird die Afrodiaspora in einer zukünftigen Gemeinschaft wiedervereinigt und es sind die verschiedenen Medien und „Botschafter“ dieser Idee, die als talking heads einen Teil des Films ausmachen, unter ihnen George Clinton, Derrick May, Kodwo Eshun und verschiedene, schwarze Sci-Fi-Autor*innen wie Samuel Delany, Octavia Butler oder Greg Tate…. Aus der Verbindung von Afrofuturism, Sci-Fi-Szenario und Pop- bzw. Subkultur wie die Anfänge des Detroit Techno mit historischem Material der black history entsteht das visuelle Dokument einer neuen Geschichte, die mit Mitteln der Imagination und Poesie geschrieben wird.

Das Schiff des Mothership, Afrofuturism und mit ihm die ganze Space-Metaphorik stellen so eine historische Praxis der Science-Fiction vor, mit der im Aufriss einer utopischen Zukunft anhand von Fragmenten zugleich eine Vergangenheit konstruiert wird. Eine bis dato kaum existente bzw. nicht repräsentierte Geschichte gewinnt ihre Konturen nun gerade vermittels der Produktion einer spekulativen Zukunft, deren transgressive Kraft schließlich dazu angelegt sein soll, das historische Kontinuum der white supremacy zu zersprengen. Der Weltraum tritt hier an die Stelle eines zuvor noch auf der Erde selbst gesuchten Mutterlands, als Ort der Zuflucht vor der Unterdrückung durch den weißen Mann.

„The vision of a black homeland whether in Africa or in an independent republic inside the southern borders of the USA was secularized and modernized. The dream of life beyond the reach of racism acquired an otherworldly, utopian quality and then manifested itself in a flash hi-tech form deliberately remote from the everyday realities of the ghetto lifeworld. If the repressive and destructive forces unleashed by a ‚maggot brained‘ and infanticidal America were rapidly acquiring a global character, the answer to them was presented as flight, not back to the African motherland, for that too was tainted by Americanism but into space.“ 2)Gilroy, There aint no black, 179

Zur kolonialen Gewalt als historischem Tatbestand gehört weiterhin, dass die Unterdrückung und Versklavung von Millionen zumeist auch die bewusste und systematische Annihilierung ihrer jeweiligen Kultur bedeutete. Wo folglich die Vergangenheit häufig von den Versuchen gezeichnet ist, die Tradition und Erinnerung an alles frühere Leben auszulöschen, bleibt tatsächlich nur mehr die Möglichkeit, aus Fragmenten, aus den Bruchstücken der Vergangenheit eine Zukunft zu imaginieren, die das Ende des Leids und der Unterdrückung im Hier und Jetzt bedeutet. Je mehr dabei allerdings die unmittelbaren Folgen der historischen Gewalttat selbst zur Vergangenheit und ihre sichtbaren Spuren und konkreten Erinnerungen immer weniger werden, desto mehr gewinnen künstlerische Prozesse, gewinnen Imaginationen der Erinnerung an Bedeutung, die das Ereignis in seiner Metaphorisierung und kulturellen Vermittlung aufspeichern und tradieren. Die wachsende Entfernung von der „Urszene“ geht dabei mit einer zunehmenden Vielfalt an Interpretationen einher, die wiederum auf ein unterschiedliches politisches Selbstverständnis der verschiedenen Organisationen der black diaspora verweisen. Vor diesem Hintergrund ist Akomfrahs Film Zeugnis eines Denkens jenseits nationaler Grenzen und Begriffe.

Für die Wirksamkeit des Afrofuturism als mythologisch-ästhetischer Ausdruck eines „neuen historischen Bewusstseins“ (Agamben) ist die Art und Weise entscheidend, mittels der Geschichte nun als Resultat von Konstruktion und Erzählung erscheint. Die für eine solche Historiographie und ihre Rezeption zentrale Methode beschreibt Laura Marks angesichts von Last Angel of History als „manners of unfolding“.3)Laura Marks, Monad, Database, Remix: Manners of Unfolding, Black Camera. Mittels der Montage zeigt der Film eine Bildsprache, aus deren einzelnen Bruchstücken und Fragmenten, aus deren Artefakten die Bedeutung erst noch herauszulesen ist. Die Praxis einer solch imaginativen Geschichtsschreibung weist dabei jede Vorstellung einer ungebrochenen Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart zurück. Gegenwart wird von ihr gerade nicht als je vorläufiges Ende einer linearen, von der Vergangenheit her fortlaufenden Entwicklung verstanden. Zugleich wird so auch die Idee unterlaufen, Vergangenheit als vollständig und in ihrer Art unveränderlich zu denken. Zu sehr ist die Vorstellung einer linearen Zeit letztlich den Machtgefügen der white supremacy entsprungen, ist ihr historisches Bewusstsein Ausdruck kolonialer Ideologien. Stattdessen werden verstreute Artefakte aufgegriffen, Indikatoren einer verschütteten Vergangenheit, die weiter lebt, und zwar gerade in der Konstruktion und Imagination einer, wie im Falle des Afrofuturism, messianischen Zukunft.
Dabei ist die Trauerarbeit wesentlicher Teil dieser Historiographie, Trauer über den unwiederbringlichen Verlust, über die Unmöglichkeit der Wiederherstellung dessen, was verloren ist – ein Zugang zu Fragen der Erinnerung, wie er auch einen weiteren Film Akomfrahs, Nine Muses (2010), entscheidend bestimmt. In den Schnittstellen der Fragmente und Ruinen mit dem, was als abwesend gedacht werden muss, was als Unbekanntes in den Tiefen der Zeit liegt, fügen sich die Bilder für eine Erzählung der Geschichte, die ohne das Wissen an Tatbeständen auskommen muss. Umso mehr lebt diese ‚andere Geschichte’ von der imaginativen Kraft des Erzählers und den Potentialen, die freigesetzt werden und für eine ‚andere Zukunft’ einstehen.

 

References   [ + ]

1. Vgl. dazu Diedrich Diederichsen, Loving the Alien, 1994
2. Gilroy, There aint no black, 179
3. Laura Marks, Monad, Database, Remix: Manners of Unfolding, Black Camera