An image may bear witness to history, but it needs a storyteller to give it context.
John Akomfrah
Through a radical re-articulation of the historical archive with testimonial memory, the films of the Black Audio Film Collective disclose the intersecting constellations of the past and present, where memory is to be understood not as a dead past waiting to be excavated but as a product of the present. What emerges is the possibility of rethinking black subjectivities through the reinvention of storytelling whose passing [Walter] Benjamin had so lamented.
Jean Fisher in Ghosts of Songs
Only when lions have historians will hunters cease to be heroes.
John Matshikiza, director of the Goree Institute in Senegal
Le passé est le même que l’étranger, ce n’est pas une question de distance, c’est la passage d’une frontière.
Chris Marker, Le Dépays
I have no memory of coffins.
Marlon James, A Brief History of Seven Killings
There are other worlds out there they never told you about.
Sun Ra
The past isn’t dead and buried. In fact, it isn’t even past.
Die Verschleppung von Millionen von Afrikanern zum Zweck ihrer Versklavung und Ausbeutung auf den Plantagen der früheren Kolonien in der Karibik, in Nord- und Südamerika – d.h. seit der Middle Passage als diasporische Urszene – wirkt bis heute in die westlichen Gesellschaften hinein, abzulesen etwa an der black experience im 20. und 21. Jahrhundert, an Autoren von James Baldwin bis Ta-Nehisi Coates oder an Raoul Pecks Film I Am Not Your Negro, der die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung explizit mit aktuellen Fällen von Polizeigewalt gegen Schwarze verknüpft.
Der Film Last Angel of History (1996) des Black Audio Fim Collective mit John Akomfrah spielt bereits in seinem Titel auf Walter Benjamins Überlegungen zu einem neuen Begriff von Geschichte an. Die Art, wie hier Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander bezogen werden, kann daher als Konstellation im Benjaminschen Sinne verstanden werden.
Indem hier Geschichte „gegen den Strich“ gebürstet wird, wenn der letzte Engel der Geschichte aus der Zukunft in eine postkoloniale Gegenwart reist, werden nicht allein die Mittel der Imagination zum Zweck einer alternativen Historiographie eingesetzt, vielmehr zeugt der Film auch von einer veränderten Haltung innerhalb der black political culture am Ausgang des letzten Jahrhunderts, da der Film erkennbar die Idee kultureller Autonomie unterläuft, die so viele der früheren Befreiungsbewegungen propagierten.
The Last Angel of History erzählt von der Idee des Afrofuturism, einer Utopie und Erlösungsmythologie einer auf Erden zersprengten und unterdrückten community. In dieser Form schwarzer Science-Fiction zeigt sich ein dekonstruktiver, begeisterter Umgang mit den Tropen und Metaphern des Genres, der sich um klare Grenzen und Kategorien nicht viel schert. In Absetzung von den Emanzipationsideologien etwa der Nation of Islam, die auf kultureller Autonomie und binären Oppositionen – „weiß“ und „schwarz“, Freund und Feind – aufbauten, zeigt der Film, wie mit Beginn der Post-Civil-Rights-Ära eine immer breiter werdende, künstlerische Haltung erwuchs, die jede entlang dualer Verhältnisse strukturierte Sci-Fi-Matrix durcheinanderzubringen suchte.1)Vgl. dazu Diedrich Diederichsen, Loving the Alien, 1994 Selbst Ridleys Scotts Horrorklassiker Alien operierte 1979 schließlich noch in den klassischen Bahnen der Erzählung vom Anderen.
The Last Angel Of History gibt es momentan nur als deutsch synchronisierte Fassung hier zu sehen:
Überall dort, wo es von Vorteil ist, seine Position unablässig zu verändern, um unsichtbar, formlos und nicht ortbar zu werden, ist das Subjekt von einer „Dynamik erfasst, die die Bedeutung sozialer Subjektivität beständig verschiebt“1)Juliane Rebentisch, Theorien der Gegenwartskunst, Junius: Hamburg 2013, p.195. Jene Dynamik und die aus ihr abzuleitenden sozialen Beziehungen gehen auf die vorherrschende Logik im Raum des multinationalen globalen Finanzkapitals zurück. Alle Subjektivität, die sich gegen diese Logik zu stellen gewillt ist – Guerilla, Hacker, Aktivisten, Überlebenskämpfer – muss daher Subjektivierungsweisen adaptieren, die dieser Dynamik und dem inter- und transnationalen Charakter des globalen Finanzkapitals entsprechen. Nur so lassen sich mögliche Formen ihrer Repräsentation für die Gegenwart und eine ihr zugehörige „Zeitgenossenschaft“ generieren.
Liquidity Inc. (Still) 2014 | courtesy of the artist
Ausgehend von der bei Bruce Lee entlehnten Überlebensformel Be formless, shapeless, like water!, unterstreicht Hito Steyerl mit ihrem Film Liquidity Inc. (2014), dass derartige Formen von Subjektivität heute als die einzig angemessenen erscheinen angeichts der selbst wie unsichtbar wirkenden Kräfte einer globalen Ökonomie im 21. Jahrhundert. Bereits der Titel zeigt dabei eine doppelte Bedeutung an, ist er doch sowohl mit dem bekannten Kürzel für kapitalisierte Aktiengesellschaften lesbar, wie er als prägnante Kurzformel den mit Bruce Lee anvisierten Zustand der Verflüssigung, eines inkorporierten Aquadynamismus benennt.
Die fluide Beweglichkeit betrifft darüber hinaus das Ineinanderfließen und Auflösen der Grenzen von Realität und Spekulation, von Dokumentarismus und Fiktion, von Kritik und Unterhaltung, wie dies auch für viele andere Arbeiten Steyerls gilt – einige davon bilden mit Liquidity Inc. die aktuelle Ausstellung Left to our own devices.
Emus in the ‚Zone‘ – Bild des utopischen Zustands, mythologische Kristallisation eines ‚Ortes‘ jenseits des Raum-Zeit-Kontinuums, in dem die Trennung zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Realität und Freiheit vollständig aufgehoben bzw. eingerissen ist, als Fluchtpunkt des Heterogenen. Mit dem „freien Spiel“ nach Schiller über Schlegels „Universalpoesie“ bis hin zur Rolle der Kunst bei Adorno und dem messianischen Geschichtsdenken bzw. „dialektischem Bild“ bei Benjamin sind noch weitere verwandte ‚Orts’markierungen im Umlauf.