Natürlich gibt es einige Parallelen zwischen den Charakteren aus In the Light Of What We Know, namentlich Zafar, und der Biografie des Autors selbst. Wie Zafar stammt auch Zia Haider Rahman aus Bangladesch und beide kamen in Folge des indisch-pakistanischen Krieges von 1971 mit ihren Eltern nach England, genauer gesagt nach East End London. Auch, dass Rahman selbst später als Investmentbanker an der Wall Street sowie als Anwalt für Menschenrechte tätig war, teilt er mit Zafar.
In the Light Of What We Know ist ein Roman über Grenzen auf verschiedenen Ebenen, über politische, soziale, kulturelle Grenzen in der Welt des 21. Jahrhunderts sowie, auf einer ungleich philosophischeren Ebene, über die Grenzen menschlicher Erkenntnis. Letzteres wird schon daran deutlich, dass Rahman wiederholt Bezüge zu dem Unvollständigkeitstheorem des österreichischen Mathematikers Kurt Gödel herstellt (1906 – 1978).

Wie kommt es, dass jemand, der in Sylhet geboren wird, von hier aus, der globalen Peripherie, sämtliche Stufen des sozialen Aufstiegs nimmt, über Oxford und New York eine mehr als bemerkenswerte Karriere macht, um dann, mittendrin, unter mysteriösen Umständen, plötzlich zu verschwinden? Und erst Jahre später wieder aufzutauchen, in 2008, an der Tür des Erzählers, seines einstigen engen Freundes aus den Jahren des gemeinsamen Studiums und ihrer Zeit als Investmentbanker? Mit dem Erscheinen Zafars in Kensington, London, nimmt das Buch seinen Anfang und von dort, von den sich über Wochen erstreckenden Gesprächen der beiden Männer am Küchentisch, reisen wir an die verschiedenen Orte und Zeiten ihrer Vergangenheit, nach Oxford College, New York, London, Kabul, Islamabad.
Das Thema der Erinnerung bildet so einen wichtigen Strang des Buches und entlang der diversen Schauplätze und Charaktere begegnen wir weiteren Motiven des Romans. Wie Rahman selbst verschiedentlich betont, handelt seine Geschichte im Kern auch von der Klassenfrage. Dabei stellt sich die englische Gesellschaft als die von Klassenzugehörigkeit bestimmte Gesellschaft par excellence dar. Es mutet beinahe wie ein Wunder an, dass es Zafar gelingt, den Zugang zum Studium in Oxford zu erhalten, wo sein Aufstieg beginnt (den seine Eltern wiederum in keinster Weise als solchen begreifen). So bewegt sich Zafar immer wieder „between two worlds“ und dieses Gefühl des Nicht-Dazugehörens wird er niemals vollständig ablegen, zumal ihn seine „Heimat“ hierin im Grunde noch bestärkt, denn nicht einmal bekommt er an den Landesgrenzen, bei seiner Rückkehr nach England und den zugehörigen Passkontrollen zu hören: “Welcome home.”
“If an immigration officer at Heathrow had ever said ‘Welcome home’ to me, I would have given my life for England, for my country, there and then. I could kill for an England like that.”
Ganz anders die Situation des namenlosen Erzählers. Dieser gehört als Abkömmling der pakistanischen Oberschicht von Geburt an zu den Privilegierten, hat seine Kindheit und Jugend in den USA verbracht, wurde in Princeton ausgebildet, und kann sich mühelos der amerikanischen, britischen und pakistanischen Staatsbürgerschaft zurechnen. Die Frage nach Klasse und Privileg ist somit auch im Verhältnis der beiden Hauptfiguren angelegt.
In Emily, der großen Liebe Zafars, begegnen wir weiterhin einer Tochter aus bestem Hause, die nach standesgemäßer Ausbildung Teil des globalen UN- bzw. NGO-Jetsets wird. In 2002 landet sie, ebenso wie kurz darauf Zafar, in Afghanistan, um den Wiederaufbau des Landes voranzutreiben. Man erfährt hierbei einiges über diese besondere Parallelwelt, die wie ein bitter schmeckendes Gebräu aus besten Absichten, kulturellem Neokolonialismus und Arroganz der handelnden Personen erscheint und die UN-Bars von Kabul bis Kinshasa und die Klubs der besseren Gesellschaft überschwemmt.
Noch etwas zum Titel und einem anderen, grundlegenden Motiv des Romans. In the Light Of What We Know spielt an auf die Grenzen dessen, was wir wissen bzw. was wir wissen können. Insbesondere Zafar scheint von einem unersättlichen Drang nach Wissen und Wahrheit beseelt, weshalb der Roman allerhand Reflexionen unter anderem über Religion, die Funktion von Metaphern usw. enthält. Dass wir jedoch niemals den Zugang zu letztgültiger Wahrheit erhalten, leitet Rahman/Zafar ab von Gödels oben erwähntem mathematisch-logischem Theorem der Unvollständigkeit ab. Danach gibt es wohl Wahrheiten, deren Wahrhaftigkeit sich jedoch nicht beweisen lässt, auch nicht von den Beweisführungskünsten der Mathematik.
The animal’s hubris now persists in his idea that the truth beneath what her perceives, from the cosmic out there and forever to the mundane here and now, and even the manmade, that such ever-present truth as he believes there could be will not exceed his capacity to understand.
Der Wunsch, einer verlässlichen Wahrheit dennoch habhaft zu werden, scheint dabei gerade in der Figur Zafars fast ebenso groß wie der Wunsch, dazuzugehören, etwas als „Heimat“ anerkennen zu können. Beide Formen des Wunsches treibt Rahman in seinem Roman an weit entlegene Grenzen. Ob es sich dabei um die Grenzen unseres Wissens handelt oder um Gebiete von Sylhet bis Kensington, stets scheinen sie dabei quer durch etwa jene Frage zu verlaufen, ob Wissen nicht vor allem eines ist, nämlich „social act“.
