Susan Sontag grenzt Kunst in ihrem 1966 veröffentlichten Essay Against Interpretation als Erlebnis von einem durch Theorie (Intellekt) vermittelten Zugang zu Kunst ab. Hier, aber auch in On Style und anderen Essays, geht es ihr nicht zuletzt um das Problem der Rechtfertigung von Kunst. Die Tradition sieht die Existenz von Kunst stets dann als berechtigt, wenn diese über das bloße sinnliche Ereignis ihrer selbst hinaus weist, etwa in moralischer oder politischer Absicht. Um diesen Inhalt an dem Werk zu entziffern und gewissermaßen freizulegen, bedarf es freilich einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen Form und Inhalt. Genau an diesem Punkt des traditionellen Kunstverständnisses erhebt Sontag ihren Einspruch, indem sie ein Denken des Ästhetischen zu entwickeln sucht, dessen Prämisse es ist, Form und Inhalt im Kunstwerk als unauflöslich verbunden und gewissermaßen wechselseitig aufeinander verweisend zu begreifen.
Was für Sontag folglich nicht länger auszumachen ist im Werk, ist der „Primat“ des einen oder des anderen. Für die Tradition hingegen ist es eindeutig der „Primat des Inhalts“, der über Rang und Wert von Kunst bestimmt. In diesem „Primat des Inhalts“ sieht Sontag denn auch den entscheidenden Zug der „mimetischen Theorie“. Im Zusammenhang der Mimesis-Theorie nach Plato und Aristoteles sei erstmalig die Notwendigkeit aufgekommen, dass Kunst etwas zu ihrer Selbstrechtfertigung vorzutragen habe bzw. eine Kritik der Kunst Sinn und Zweck an ihr kenntlich machen müsse. Sontag führt dies wiederum auf einen Wandel in der Kunsterfahrung, in der Begegnung mit Kunst zurück. Während in Zeiten des Mythos das Erlebnis den Menschen an die Kunst band, brachten Aufklärung und Wissenschaft auch ein Bewusstsein für Kunst mit sich. In Folge der nun mehr zunehmend intellektuellen Begegnung mit Kunst sei, so Sontag, dann nicht allein die Verteidigung der Kunst notwendig geworden, es ist gerade deren Legitimation in Anschauung des Inhalts, die eine Auseinandersetzung mit Kunst auf die grundsätzliche Unterscheidung von Form und Inhalt verpflichtet. Eben darin, weniger in einem Realismus als solchem, sieht Sontag denn auch den wesentlichen Zug der mimetischen Theorie.
Nun wird im modernen Denken diese Theorie in ihrer Auswirkung auf die ästhetische Erfahrung noch einmal verschärft. Denn gerade der moderne Intellekt generiert einen Zugang zur Kunst, der das sinnliche Erfassen und Erleben des Kunstwerks verstellt und letztlich auf den Inhalt, auf ein Dahinter- oder Darunterliegendes abzielt. Die Moderne und die ihr eigenen intellektuellen Operationen hätten, so Sontag, ganze „hermeneutische Systeme“ hervorgebracht, mit Marx und Freud als deren herausragendste Baumeister. Was deren gesellschaftliche bzw. psychoanalytischen Theorien an Lektüren und Lesarten nach sich zogen, hätte weit mehr den Blick für die Sache selbst, sprich das Werk, verstellt bzw. zu allerlei übergriffigen Interpretationen Anlass gegeben, als dass an den Werken jene Erfahrungen vollzogen worden wären, die Sontag hier mit Blick auf das Verhältnis von ästhetischem Subjekt und Welt vorschweben. Man muss keineswegs sofort den Begriff der Wiederverzauberung bemühen, um festzuhalten, dass mit dem Begriff vom Erlebnis die Kunst für Sontag tatsächlich wieder stärker ins Magische einrückt und etwas von jener Aura zurückerhält, die Walter Benjamin angesichts der Künste der Moderne und der ihnen inhärenten technischen Bedingungen aus der Welt entschwunden sah. Freilich zeigt gerade die Referenz auf Benjamin, dass es Sontag hier keineswegs um eine bloße Beschwörung der Kunst im Sinne eines eindimensionalen Animismus geht. Vielmehr lässt sich die Aktualität der Gedanken Susan Sontags heute auch daran erkennen, dass etwa das Haus der Kulturen der Welt in Berlin (HKW) eine Ausstellung im Rahmen seines breit angelegten Anthropozän-Projektes unter dem Titel Animismus präsentierte, deren Exponate und Begleittexte die vielfachen Überschneidungen dieses Begriffs zu Theorie und Kritik der Gegenwart deutlich machten. Denn Sontag spricht sich in ihrem Essay keineswegs gegen die Möglichkeit bzw. Notwendigkeit von Kunstkritik an sich aus (und eine Kritik der Kunst scheint anders als vor dem Hintergrund der geltenden Sinn- und Ordnungsvorstellungen selbst nicht sinnvoll und ist daher der exemplarische Fall kritischen Denkens als solchem). Ihre Frage in Against Interpretation ist nur, wie diese neue, als eine auf der Höhe ihrer Zeit befindliche Kunstkritik als eine Kritik gewissermaßen jenseits von Form und Inhalt aussehen kann. Und es ist, noch einmal, Walter Benjamin, dessen Erzähler-Aufsatz Susan Sontag für diese neue Art der Kunstkritik als beispielgebend anführt.
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