Andrés Neuman (* 28. Januar 1977 in Buenos Aires, Argentinien) ist ein argentinisch-spanischer Schriftsteller, Dichter, Übersetzer und Essayist. In 2009 erschien sein Roman El viajero del siglo auf Spanisch. Bislang liegt keines seiner Werke auf deutsch vor, die englische Übersetzung ist als Traveler of the Century jedoch vor einiger Zeit bei Faber, Strauss & Giroux in New York erschienen.

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Schauplatz der Geschichte von Traveler of the Century ist ein fiktiver, kleiner Stadtstaat namens Wandernburg, dessen genaue Lage unbekannt, jedoch irgendwo zwischen Sachsen und Preußen vermutet wird. Mit der Ankunft von Hans in Wandernburg beginnt der Roman, dessen Handlung in einer spannungsgeladenen Zeit angesiedelt ist: im post-napoleonischen Deutschland des 19. Jahrhunderts, in der Zeit der Restauration, aber eben auch der nachhallenden Ideen von politischer und ästhetischer Moderne sowie der beginnenden Industrialisierung und den damit verbundenen Umbrüchen.
So verfügt Wandernburg im Gegensatz zu den Großstädten seiner Zeit wie London oder Berlin noch über keine Gasbeleuchtung; das Tageslicht erlischt schnell, zumal im Winter, „when darkness falls like a curtain“, und das Licht in den Straßen ist schummrig und „ancient“. Doch nicht allein des Lichts wegen verliert Hans anfangs häufiger die Orientierung in den sich windenden Straßen Wandernburgs: die Geographie der Stadt selbst scheint in Bewegung, Hans verläuft sich oft und findet sich dann an überraschenden Orten und Ausgängen wieder, steht er manches Mal plötzlich erneut am Anfang seines Weges durch die Stadt. Dies kann selbst einen so erfahrenen Reisenden wie Hans in offenkundige Verwirrung stürzen.

Das Motiv des Zyklischen verweist auf eine wichtige Inspirationsquelle des Romans, auf Schuberts Winterreise. Mit der Figur des Leiermanns, des „organ grinder“, ist dem libertären und sich weltmännisch dünkenden Hans nicht nur ein Gegenpart und Freund gegeben, er verkörpert auch den Typus eines aus der Zeit Gefallenen, zumal in den Anbrüchen der Moderne, die das zeitgeschichtliche Kolorit des Romans sind. In seinem ganzen Auftreten, in seiner Person sowie in den ihm verknüpften Motiven von Kreis und Wiederholung scheint er so gar nicht in die Vorstellungen von Geschichte als Fortschritt und linearer Zeit einstimmen zu wollen. Die Form der Wiederkehr bzw. die „offen-geschlossene“ Struktur des Buches zeigt sich schließlich auch in der Untergliederung in vier Kapitel, die eindeutig dem Wechsel der Jahreszeiten folgen.

Dafür, dass Hans viel länger als zunächst angenommen in Wandernburg verweilt, lassen sich mehrere Gründe finden: der entscheidende ist die sich entwickelnde Liebe zu Sophie. Sophie ist eine ihre (intellektuelle) Unabhängigkeit verteidigende junge Frau, und zudem Gastgeberin eines literarischen Salons jeden Freitag im Hause ihres Vaters. Zugleich ist sie der Heirat mit einem Großgrundbesitzer versprochen, was beide, Hans und Sophie, vor größere Schwierigkeiten stellt, ihren Gefühle füreinander entsprechend nachzugeben. Umso intensiver wirkt dann ihre Lust, ihre Begierde in der wenigen übrigen Zeit. In dieser engen Verknüpfung des sinnlichen Erlebens mit den existenziellen Fragen von Freiheit liegt eine große Qualität des Romans.

Der erwähnte literarische Salon ist wiederum der Ort, an dem die Ideen von Freiheit und Fortschritt, ob nun sozialer, politischer oder ästhetischer Natur, teils ausführlich debattiert werden. Während der Roman also im Sozialen etwa die Arbeitsbedingungen thematisiert, ist der Kern der Diskussionen auf politischer Ebene durch den Widerstreit zwischen Reaktion bzw. Restauration und den Ideen der französischen Revolution bestimmt. Dabei markiert Hans offen den Liberalen.
Auf literarisch-ästhetischer Ebene schließlich werden die freiheitlichen Ideen anschaulich, sobald wir als Leser an Hansens Arbeit als Übersetzer teilhaben, insbesondere von europäischer, moderner Lyrik. In dieser nahezu täglichen Arbeit Hans‘ verknüpft der Roman das Politische mit der Kunst und greift hierfür die bekannten Theorien einer idealistischen Ästhetik von Kant bis Schiller („freies Spiel“) sowie der Frühromantiker um Schlegel und Novalis auf (Stichwort „Universalpoesie“; es fällt auch der Begriff „Weltliteratur!“ im Zusammenhang mit Goethes Tasso), wobei die im Roman selbst vorkommende Lyrik keineswegs auf den deutschen Sprachraum beschränkt bleibt.

Zu seiner Arbeit als Übersetzer wird Hans im Laufe des Romans Sophie hinzuziehen. Auch, da ihnen dies eine Legitimation für regelmäßige Zusammenkünfte verschafft. Doch gerade zu Anfang ihrer Beziehung gehen zwischen den zahlreiche Briefe hin und her, übersetzen sie ihre Gefühle in Sprache (was nicht immer gelingt, zumindest sieht Hans das so). Sie nutzen diese Form des Ausdrucks, wo ihnen andere Gesten verwehrt bleiben. Während ihrer späteren Übersetzungsarbeiten für Brockhaus schärfen sie zugleich ihre Wahrnehmung einer untrennbar wirkenden Verknüpfung von Poesie und Liebe, von Gefühl und Übersetzung, da beide scheins ineinander übergehen, wird doch das eine Ausdruck und Form des anderen. Der Sinn der Worte, in ihrer Übersetzung, setzt sich fort in den Sinnen, welche die Bewegungen der Körper aufgreifen und verwandeln.

„How can we speak about free trade … without considering a free exchange of literature? We should be translating as many foreign books as possible, publishing them, reclaiming the literature of other countries and taking it to the classroom!

„But in such exchanges, said Sophie, it’s important that the more powerful countries don’t impose their literature on everyone else, don’t you think? Absolutely, replied Hans, plunging his hands between Sophie’s buttocks …“

Dass das sinnliche Erleben einen Teil der Faszination des gesprochenen Wortes, von Dichtung und Literatur ausmacht, wird auch dann deutlich, wenn Hans den Rezitationen, den von Sophie laut vorgetragenen Versen zuhört.

„ … Sophie’s melodious voice, her pauses and inflections, made him feel an unexpected frisson. Slowly he began to enjoy this feeling that transported him from a foreign language to his lover’s body.“

Die gemeinsamen Stunden ihrer Arbeit sind für Sophie und Hans sowohl von intellektueller Leidenschaft wie vom Begehren bestimmt. Das Spiel mit den Worten, die Suche nach einer treffenden Übersetzung, deren Präzision sich auch an Klang und Intonation der von Sophies Stimme vorgetragenen Verse bemisst, erfüllt dabei mit der Zeit jenes sinnliche Verlangen, das eben die Existenz in der Poesie bei ihnen hervorruft. Oder vielmehr erfüllt es dieses nicht, es nimmt es eher in sich auf, trägt die Spannung weiter, setzt sich vorerst an die Stelle des Begehrens, als Suche nach Ausdruck und Form. In dieser Art der Sublimierung der Begierde öffnet sich ein weiterer Weg, der sie einander kaum weniger nahe bringt als es ihr körperliches Begehren vermag. Wie dieses führt auch der Weg der Sprache hier durch den unaufhebbaren Raum zwischen zwei Mündern – und irgendwo auf diesem Weg, darf man annehmen, liegt auch Wandernburg.